85 Jahre theatermuseumhannover!

Das Theatermuseum Hannover

von Hanjo Kesting

 

Ein Museum ist ein Ort des Bewahrens, das Theater aber gilt als vergängliche Kunst. Paßt das zusammen? Läßt sich das Vergängliche bewahren, kann man dem flüchtig Erlebten Dauer verleihen? Ein »Theatermuseum«, so scheint es, ist ein Widerspruch in sich. Unweigerlich denkt man an Kostüme, Figurinen, Bühnenbildentwürfe, Programmzettel, auf denen der Staub der Jahrhunderte liegt. Das Vergängliche, das gebannt werden soll, in Theatermuseen wird es oft erst richtig greifbar.

 

Ganz anders in Hannover. Seit seiner Neuansiedlung in der Prinzenstraße vor zehn Jahren hat das Theatermuseum eine große Wandlung vollzogen. Und einen imponierenden Aufstieg. Heute ist es vieles zugleich: Ausstellungsraum, Literaturhaus, Vortragssaal, Kinoecke, Fotogalerie. Ein kultureller Treffpunkt mit vielen Facetten und unterschiedlichen Funktionen. Zwar kann man hier noch immer in die Tiefe der Theatergeschichte hinabsteigen, aber mindestens genau so wichtig wie die Vergangenheit ist die aktuelle Gegenwart. Das Theatermuseum Hannover ist zum eigenständigen Faktor im Kulturleben der Stadt geworden. Vielseitig, anregend und lebendig. Und mittlerweile unentbehrlich.

 

Zuweilen ist es die Not, die erfinderisch macht. Die seit der Gründung des Museums im Jahre 1928 gesammelten archivalischen Bestände wurden im Kriegsjahr 1943 beim großen Brand des Opernhauses vollständig vernichtet. Man mußte also wieder ganz von vorn beginnen, in provisorischen Räumlichkeiten. 1992 wurde das Theatermuseum in den Neubau des Schauspielhauses integriert. Ein Glücksfall. In dieser Hinsicht ist es heute nämlich weit und breit das einzige seiner Art. Allerdings erwächst daraus eine besondere Verpflichtung: als Vermittler zu agieren zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Theatermachern und Publikum.

 

Die materiellen Mittel, die dem Theatermuseum zur Verfügung stehen, sind gering. Um so mehr braucht es kulturelle Kompetenz, Ideenreichtum, Offenheit für Veränderungen, nicht zuletzt persönliches Engagement der Mitarbeiter. Ungewöhnlich in Hannover ist die Bandbreite des Angebots: begehbare Bühnenbilder, Figurentheater, Einblicke in die Werkstätten, Ausstellungen zu aktuellen Produktionen. Monatlich wechselnd kann man »Stimmen der Dichter« hören:  Hofmannsthal, Ringelnatz, Ingeborg Bachmann oder Max Frisch. Im Mittelpunkt der Museumsaktivitäten stehen aber die großen Sonderausstellungen mit ihrem breiten thematischen Spektrum. Es reicht von der Augsburger Puppenkiste bis zu Künstlerporträts von Isolde Ohlbaum, von Günter Grass‹ Aquarellen aus »Mein Jahrhundert« bis zur Schauspielerlegende Gustaf Gründgens, vom Fotografen Strindberg bis zum Werbetexter Frank Wedekind, von der Pop-Ikone Madonna bis zum Großschriftsteller Thomas Mann. Kein Zweifel, in diesem Museum hat man keine Berührungsängste, trägt keine Scheuklappen.

 

Das »lebendige Herz des Museums« (so nennt es sein Leiter Carsten Niemann) ist der Vortragssaal mit kleiner Bühne im Untergeschoß. Lebendig ist es, weil es regelmäßig und an vielen Abenden des Jahres bespielt wird: mit Aufführungen, Vorträgen und Lesungen. Die Namen der Gäste reichen von Mario Adorf über Marcel Reich-Ranicki bis zu F.K. Waechter. In Hannover gibt es wenig Vergleichbares. Das Geistesleben der Stadt hat davon profitiert.

 

Last not least: die Schriftenreihe. Sie heißt »Prinzenstraße« und greift Themen der hannoverschen (aber nicht nur hannoverschen) Theatergeschichte auf: der Komponist Heinrich Marschner, die Schauspielerin Gertrud Eysoldt oder der junge Max Frisch, der, bevor er Schriftsteller wurde, als Journalist tätig war. Eine wahre Fundgrube. »Was wir da auspacken«, schrieb der Kritiker der Zeit, »verstaubt nicht im Bücherregal, sondern wird betrachtet, gelesen und benutzt.«

 

Ein Lob also der »Prinzenstraße«! Und ein nicht geringeres Lob dem Theatermuseum, das in der Prinzenstraße, im Zentrum der Stadt, seinen idealen Platz gefunden hat. Weit liegt er entfernt von jener aurea mediocritas, der »goldenen Mittelstraße«, die Theodor Lessing einst der Stadt Hannover bescheinigte. Man wünscht viel Glück zum Jubiläum. Und hofft auf zehn weitere lebendige Jahre.

 

 

 

Die Geschichte des Theatermuseums in Hannover



Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze  - dieser oft und gern zitierte Vers aus dem Prolog zu Schillers "Wallenstein" berührt ein Phänomen, das die Geschichte des Theaters bis ins 20. Jahrhundert hinein prägt: die Geschichte einer Kunst, die kaum Spuren hinterlassen hat. Denn mit dem Tod des Schauspielers starb auch seine Kunst. Das, was Theater so faszinierend macht, die Unmittelbarkeit des Augenblicks, der Schauspieler und Zuschauer verbindet, die unwiederbringliche Leistung eines Abends, sind kaum festzuhalten. Nach jedem gefallenen Vorhang scheinen sie verloren. Der Eindruck in der Erinnerung des Einzelnen trägt nicht weit. Und doch gab es schon im 16. Jahrhundert Versuche, daß Erlebte zu fixieren: Es existieren Kupferstiche von herausragenden Aufführungen bei Hofe und selbst die Inszenierungen von Schillers Dramen am Weimarer Hoftheater - unter Goethes Intendanz - sind auf farbigen Stichen überliefert. Aber erst mit der Entwicklung der Photographie im  19. Jahrhundert, mit den ersten Tonaufnahmen und dem Aufkommen des Films war es möglich, die Flüchtigkeit einer Theateraufführung annähernd einzufangen. In Folge dieser Entwicklung entstanden die ersten Theatermuseen und -sammlungen.

Das erste Theatermuseum der Welt entwickelte sich aus dem 1866 eingerichteten Archiv der Pariser Oper. In Deutschland wurde das erste Museum 1899 in Weimar gegründet und hatte kurioserweise nur einen einzigen Gegenstand: die Schauspielerin Marie Seebach (1829-1897). In deren ehemaligen zwei Wohnräumen in der Tiefurter Allee 10 stellte eine Verwandte alle Erinnerungsstücke der Künstlerin aus, die ihr im Leben lieb und werth gewesen sind. Die erste Einrichtung, die den Namen "Theatermuseum" wirklich verdient hat, wurde am 24. Juni 1910 in München in der Villa der Hofschauspielerin Clara Ziegler (1844-1909) eröffnet. Sie hatte testamentarisch bestimmt, daß unserer Kunst eine Heimstätte im vornehmen Sinne geschaffen werden sollte. Im gleichen Jahr war in mehreren Ausstellungshallen am Zoologischen Garten in Berlin auch die erste Theaterausstellung Deutschlands zu sehen - eine Bestandsaufnahme des deutschsprachigen Theaters, die auch die bühnentechnischen Neuheiten berücksichtigte.

 

Die Gründungsgeschichte der Theatermuseen und -sammlungen ist unterschiedlich. Wie das Beispiel der Pariser Oper zeigt, entwickelte sich der Museumsgedanke einmal aus den ersten Hausarchiven der einzelnen Theater, die begannen, Material - Kostüme, Theaterzettel usw. - ihrer eigenen Produktionen zu sammeln. Oft war es aber auch privater Initiative zu verdanken, daß es zur Gründung einer Theatersammlung kam. Ein Beispiel hierfür ist Carl Niessen (1890-1969), der das Institut für Theaterwissenschaft Köln gründete. Seine Sammlung bildet heute den Grundstock der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln.

In Hannover verband sich sehr früh die Vorstellung von einer Theatersammlung mit der eines Museums. Schon 1928 konnten Besucher nach vorheriger Anmeldung im ehemaligen Konzertsaal im Obergeschoß des nördlichen Seitenflügels des Opernhauses das "Hausmuseum" besuchen, um hier Ausstellungsstücke zur Geschichte des Hauses an der Georgstraße zu bewundern, die - wie die 'Niedersächsische Tageszeitung' im Dezember 1933 schrieb - nicht einfach fachlich und sachlich registriert und geordnet wurden, sondern mit liebevollem Verständnis und teilnehmender Sorgfalt oft mühsam gesucht und zusammengetragen waren. Ziel und Aufgabe des Theatermuseums im Opernhaus war es schon damals, das persönliche Verhältnis des Besuchers zu "seinen" Schauspielern und "seiner" Bühne zu vertiefen. Neben Originalpartituren von Heinrich Marschner, Briefen und Quittungen Richard Wagners, Bühnenbildentwürfen, Kostümen und Fotos der Ensemblemitglieder und der Gäste des Theaters wurden auch zwei lebensgroße Figuren der Schauspieler Fritz Berend und Siegmund Bollmann in der Posse "Robert und Bertram, die lustigen Vagabunden" von Gustav Räder bestaunt. Eigentliche Attraktion des Rundgangs durch das Museum war aber eine Vorstellung mit Theaterpuppen auf der Miniaturbühne, die mit allen technischen Feinheiten des großen Hauses nachgebaut worden war: mit Versenkungen, Wind- und Donnermaschinen. Gespielt wurde die berühmte Szene in der Wolfsschlucht aus dem "Freischütz", in der alle Register technisch-dekorativer Einrichtungen gezogen werden konnten.

 

Die Zerstörung des Opernhauses in Hannover durch Brandbomben am 26. Juli 1943 brachte auch die völlige Vernichtung des Theatermuseums und seiner Archivalien. Wie in vielen anderen Städten, mußte man nach dem Krieg mit dem Sammeln wieder ganz von vorn beginnen.

In Hannover dauerte es fast 20 Jahre, bis die Stadt wieder ein eigenes Theatermuseum hatte. Kurt Söhnlein, der 1925 als Bühnenbildassistent nach Hannover gekommen war, und 1957 seine Laufbahn als Ausstattungsleiter abschloß, wurde mit dem Wiederaufbau des Theatermuseums betraut. Vier Jahre reiste der Bühnenbildner i. R. auf der Suche nach Zeugnissen und Spuren der Theatergeschichte Hannovers durch Deutschland. Zur Spielzeit 1961/62 konnte das Theatermuseum wiedereröffnet werden. Es nahm wieder nur einen bescheidenen Platz unter dem Dach des Opernhauses ein und war im Rahmen von Führungen zugänglich. Kurt Söhnlein machte aus der Not der fehlenden Schauräume eine Tugend, und organisierte neben der ständigen Ausstellung, in der thematisch die Oper dominierte, regelmäßig Sonderausstellungen im Opernhaus-Foyer. Die erste war 1959 Friedrich Schiller gewidmet und fand noch gegenüber der Oper im Blumenpavillion statt. Bis zum Tod Kurt Söhnleins, 1985, folgten über 50 theaterhistorische Ausstellungen u.a. über Kleist, Marschner, Verdi, Richard Strauss, Richard Wagner, Emmi Sack, Tiana Lemmitz, Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg, außerdem gesonderte Ausstellungen über das Ende des Königreichs Hannover oder die Geschichte des Hoftheaters.

Kurt Söhnlein erlebte den Umzug "seines" Theatermuseums ins nahegelegene Kröpcke-Center nicht mehr. Mit Ende der Spielzeit mußte im Sommer 1984 anläßlich des Umbaus des Opernhauses auch das Theatermuseum geschlossen werden, und die Theaterverwaltung nahm das zum Anlaß, dem Museum außerhalb der Oper endlich erheblich größere Ausstellungsräume zur Verfügung zu stellen.

Traditionsgemäß wurde wieder ein ehemaliger Bühnenbildner und Ausstattungsleiter des Hauses, Rudolf Schulz, mit der Konzeption des Theatermuseums betraut. Aus Teilen des Söhnlein-Bestandes und mit wertvollen Exponaten aus eigenem Privatbesitz installierte Rudolf Schulz eine thematisch wesentlich erweiterte Ausstellung in den Schauräumen im 4. Stock des Kröpcke-Centers. Seit Mai 1988 waren nicht nur maßgeblich die Oper sondern auch die drei anderen Sparten der Niedersächischen Staatstheater  - Schauspiel, Konzert und Ballett - vertreten. Auch die Bereiche Orchester, Theater-Werkstätten und Bühnentechnik waren präsent.

 

Die in Deutschland einmalige Gelegenheit, ein theatergeschichtliches Museum  und Archiv unmittelbar in einem Theater unterzubringen, ergab sich 1992 mit der Eröffnung des neuen Schauspielhauses in Hannover. Im April wurde das Theatermuseum in der Prinzenstrasse feierlich eröffnet.

Rudolf Schulz hat die ständige Ausstellung, die sich in dem ehemaligen Cumberlandschen Galeriegebäude über drei Etagen erstreckt, nach eigenen Vorstellungen neu gestaltet. Als Bühnenbildner ging es ihm wie Kurt Söhnlein vorwiegend um die visuelle Aussagekraft der Exponate: Wie im lebendigen Theater muß das Museum inszeniert werden.